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URKUNDE

Am 29. August 1953, legten wir an dieser
Stelle in feierlicher Weise den

GRUNDSTEIN
Für 180 Wohneinheiten
der Siedlergemeinschaft "Selbsthilfe" im
Bunde der vertriebenen Deutschen.

ZUR ERINNERUNG
an das denkwürdige Ereignis wurde diese
Urkunde an der Gedenkstätte der erstehen-
den Siedlung eingemauert. - Sie möge
Zeugnis ablegen von einem großen Werk
menschlicher Hilfsbereitschaft und sei
zugleich für alle unsere Nachkommen
ehrwürdiges Andenken und tiefste
Verpflichtung.

 

     
WENN WIR IN DIESER FEIERLICHEN STUNDE andächtig und tief ergriffen zunächst unsere Blicke in die Vergangenheit werfen und auf den Spuren unserer Ahnen wandeln, so erfaßt uns ein Gefühl der stillen Wehmut und des Schmerzes. Noch, läuten uns der alten Heimat Glocken, die Glocken unserer Väter treu und schlicht. Aus weiter Ferne dringt ihr liebliches Geläute deutlich zu uns, als wollten sie ihren Kindern Grüße überbringen. Es grüßen uns die stolzen Burgen und Dome Ostpreußens und Schlesiens, die welligen Berge, grünen Täler und Wälder des Sudetengebietes, die weit ausgedehnten Ackerflächen der donauschwäbischen Ebene, wo einst ein aufrechtes Kolonistengeschlecht als ewiger Künder deutschen Bauerntums über Felder und Fluren schritt, und wo die Sonne sich tausendfältig im goldenen Ährenmeer spiegelte. Es grüßt uns in dieser Stunde die alte Heimat, geboren aus dem Schweiße unserer Ahnen, innig verbunden mit unserem Volke im großen Erleben der friedlichen Sendung, des Aufbaues, der Kultur, der Abwehr und des Leidens.

Aber all diese schönen Bilder der Erinnerung und des stillen Gedenkens werden überschattet von jene i düsteren Ereignissen, die wie ein Sturm über uns hereinbrachen und das Werk von Generationen zerstörten. Wer könnte sie jemals vergessen, diese Wochen des Grauens und Entsetzens, diese Tage, als unsere Heimat ihr stolzes Haup* langsam zürn Sterben neigte, die wehen Stunden der Abschied-nehmens von allem, was uns lieb und heilig war? Alte Formen zerbrachen, Dorfgemeinschaften und Familien fielen auseinander, blühendes Kulturland verödete, der Tod hielt reichliche Ernte, die überlebenden aber wurden entehrt, vertrieben und entrechtet. Unermeßlich war das Leid, das über uns alle hereinbrach.

Nach vielen Irrfahrten, Entbehrungen und seelischen Anfechtungen fanden auch wir endlich eine bleibende Statt. Hier, in der Urheimat vieler Donauschwaben, begegneten wir schwergeprüften Menschen, die uns Heimatlosen trotz tiefer Kriegswunden, trotz Trümmer und Ruinen die hilfreiche Bruderhand entgegenstreckten und es uns zur freudigen Gewissheit werden ließen, daß die große deutsche Heimat noch lebt. Und so erwuchs aus gemeinsamer Not der gemeinsame Wille zum Neubeginn. In uns erwachte der Geist der alten Kolonisten, und wir waren entschlossen, wieder Siedler zu werden und eine neue Heimat für unsere Kinder zu schaffen. Dieser großen Aufgabe dienen wir in Liebe und Ergebenheit, diesem Ziel opfern wir den Rest unseres arbeitsreichen und leiderfüllten Lebens.

Am 9. Juli 1953 wurde auf einer in Waiblingen abgehaltenen Versammlung die Siedlergemeinschaft "Selbsthilfe" im Bund vertriebener Deutschen gegründet. Die konstituierende Versammlung hat sich einen Vorstand gewählt, der sich aus folgenden Herren zusammensetzt: I.Vorsitzender Oberregierungsrat Siegfried Melinski; weitere Vorstandsmitglieder: Lm. Albert Rieß und Paul Krauskopf. Geschäftsführer wurde Lm. Jakob Sütsch. Mit der technischen Bauleitung und Bauaufsicht wurden die Herren Architekten Eugen Haag, Walter Häussermann, Reinhold Schweikert und Alfred Fischer betraut.

Wenn wir heute den Grundstein für 180 Wohneinheiten legen dürfen, so sind wir erfüllt von tiefster Dankbarkeit. In Demut beugen wir uns vor Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Unter seinem Schutz und seinem Schirm überwanden wir die grofje Not der Gegenwart und fanden den Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft. In seinem Namen wollen wir dieses Werk des Wiederaufbaues beginnen und vollenden.

WlR DANKEN allen staatlichen, kirchlichen, landsmannschaftlichen und kommunalen Stellen, insbesondere Herrn Minister Fiedler vom Ministerium für Vertriebene und Kriegsgeschädigte in Stuttgart und Herrn Bürgermeister Bauer, Waiblingen, für jede Förderung unserer Siedlergemeinschaft. Drei Namen sollen mit besonderer Dankbarkeit vermerkt ^werden: Siegfried Melinski, Albert Ries und Paul Krauskopf. Das Gelingen dieses Werkes ist nicht zuletzt die Frucht ihrer jahrelangen unermüdlichen Arbeit an der Sefyhaftmachung heimatloser Menschen. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dafj viele Schwierigkeiten überwunden und unsere Siedlungsplanung verwirklicht werden konnte.

Neben einem beglückenden Gefühl der Freude erfüllt uns in dieser feierlichen Stunde auch tiefe Wehmut und Trauer. Wir gedenken unserer Toten in der alten Heimat und in der ganzen Welt. Ihr Tod sei für alle ein heiliges Vermächtnis, denn viele liefjen ihr Leben auch für uns. Dieses Vermächtnis aber gebe uns Kraft, unser weiteres Lebenswerk in ihrem Geiste vollbringen zu können, im Geiste des reinen und festen Gottvertrauens, der christlichen Nächstenliebe, des Festhaltens am deutschen Wesen, des Fleißes, der Freiheit und des Bestrebens, unserer neuen Heimat Württemberg als treue und ehrbare Bürger zu dienen.

WlR GEDENK E N ferner über Grenzen und Kontinente hinweg aller Brüder und Schwestern, die, wie vom Winde verweht, im Räume von den Grenzen, des Balkans und des europäischen Ostens bis nach Südamerika und Australien siedeln. Lafjt uns nicht verzagen l Vielleicht war es göttliche Fügung, dafj unsere Menschen die tiefsten Tiefen irdischen Leids durchwaten mußten, um den Weg für einen Neubeginn freizumachen und Vorboten einer besseren Zukunft zu werden. Ihr Opfer ist Mahnung und Verpflichtung für die jetzigen und späteren Generationen. Unser Verjagen von Haus und Hof war doch nicht vergebens, wenn eine neue Welt der Liebe und der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens, eine Welt frei von Hafj, Kriegen und Verfolgung daraus erstehen sollte. Unsere Kinder und Nachkommen aber sollen dessen eingedenk sein, dafj man auch in schwersten Zeiten niemals den Glauben an Gott und an das Gute und Edle in der menschlichen Seele verlieren darf.

Möge nun der Allmächtige unserem Vorhaben seinen Segen verleihen, möge Er uns vor weiteren schweren Schicksalsschiagen gnä-diglich bewahren und uns das geben, wonach wir uns schon so lange sehnen: eine neue, schöne und friedliche deutsche Heimat.

Waiblingen, den 29. August 1953        Für die Siedlergemeinschaff "Selbsthilfe"

     
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